Alle sind dort, weil alle dort sind

Wir stecken irgendwie in einem Teufelskreis. Gerade kleinere, lokale Organisationen, Künstler und Firmen kommunizieren Neuigkeiten und Veranstaltungen fast ausschließlich über Big-Tech Social Media – z.B. Instagram, Facebook und Co. Teils nicht einmal mehr auf einer eigenen Webseite – viele haben gar keine mehr. Willst du informiert bleiben, fühlt es sich so an, als "müsste" man diese Plattformen nutzen.
Seit gut zwei Jahren bin ich weg von diesen Plattformen. Mein Hauptgrund für Instagram war damals die Informationsbeschaffung: lokale Künstler, Cafés, neue Orte, Veranstaltungen, Vereinsleben usw. Seit der Löschung meines Accounts nutze ich Webseiten und lokale News-Portale. Mein Eindruck war zuletzt: "Irgendwie ist wenig los."
Kleiner Selbstversuch: Ich habe einen temporären Instagram-Account angelegt und den früheren Accounts wieder gefolgt (dank Datenexport). Ergebnis: Nein, ich lag zum Glück falsch. Das Vereinsleben, die Künstler und Veranstaltungen sind keineswegs eingeschlafen – es ist lebendig. Die Kommunikation hat sich nur noch stärker auf Big-Tech-Plattformen verlagert. Und weil ich dort nicht mehr aktiv bin, bekomme ich vieles schlicht nicht mehr mit.
So schade das auch ist: Ich kann das nachvollziehen. Es ist einfach bequemer, alle Updates zentral in einer App zu haben, statt viele unterschiedliche Webseiten zu besuchen. Du öffnest Instagram oder Facebook – und zack, alles ist da, alles funktioniert gleich, alles an einem Ort.
Frage ich Freunde oder Bekannte, warum sie dort noch aktiv sind, ist genau das einer der häufigsten Gründe. Nicht weil sie die Plattformen (noch) toll finden – ganz im Gegenteil, viele sind genervt.
Spreche ich Freunde, Vereine oder Künstler auf das Fediverse an, ist das für viele völlig unbekannt. Vereinzelt existieren Accounts – wirklich aktiv bespielt werden sie aber oft nicht.
Solange die Menschen dort sind, kommunizieren Organisationen dort. Und solange Organisationen dort kommunizieren, bleiben die Menschen dort.
Genau darin liegt für mich der eigentliche Teufelskreis.
Was können wir also tun? Vermutlich müssen die wenigsten sofort ihre Accounts löschen. Aber wir können anfangen, Informationen wieder an mehreren Orten zugänglich zu machen. Wer einen Verein, ein Café, eine Initiative oder ein Unternehmen betreibt, kann Veranstaltungen und Neuigkeiten zusätzlich auf der eigenen Webseite oder im Fediverse veröffentlichen.
Und wer Alternativen nutzen möchte, kann diese aktiv unterstützen: lokalen Webseiten folgen, RSS-Feeds abonnieren oder Accounts im Fediverse begleiten und mit ihnen interagieren. Je mehr Menschen und Organisationen Informationen auch außerhalb der großen Plattformen teilen, desto einfacher wird es für andere, diese Plattformen zu verlassen – oder sie zumindest nicht mehr als einzige Informationsquelle zu benötigen.
Vielleicht beginnt der Ausweg aus dem Teufelskreis genau mit diesem kleinen Schritt.
Zum Schluss noch ein Gedanke: Wer erinnert sich noch an ICQ, SchülerVZ oder wer-kennt-wen.de? Auch dort waren irgendwann "alle".
Netzwerkeffekte können entstehen – und sie können sich auch wieder auflösen. Vielleicht lohnt es sich deshalb, schon heute wieder mehr auf offene und unabhängige Kommunikationswege zu setzen.
